Categories
Allgemein Germany

Was in Clubhouse passiert, bleibt nicht in Clubhouse

Über journalistische Verantwortung – ein Zwischenruf

Wenn spontan Spitzenpolitiker wie Bodo Ramelow und Philipp Amthor, stellvertretender BILD-Chefredakteur Paul Ronzheimer, Heute-Show Star Fabian Köster und Journalist Kai Diekmann in einer pandemischen Samstagnacht um halb eins an einer virtuellen Bar diskutieren, befindet man sich auf der App Clubhouse. 

Die neue Hype-App Clubhouse ist das digitale Pendant zu einer Podiumsdiskussion: Die überwiegende stillschweigende Zuhörer*innenschaft kann sich von Moderator*innen auf die Bühne holen lassen, um über Dieses und Jenes Gedanken auszutauschen. Gerade in Zeiten des Lockdowns reizt die App durch eine ungezwungene Gesprächskultur ohne zwischengeschaltete Pressesprecher*innen, wobei die ein oder andere Filterblase zerplatzen kann. Potential und Verantwortung liegen bei der App nah beieinander: Besonders im pandemischen Superwahljahr, in dem der klassische Tür-zu-Tür Wahlkampf nicht möglich ist, kann die App Räume für Diskussionen schaffen, aber ebenso kann sie sich im Stile Telegrams zu einer Plattform für demokratiegefährende Gruppierungen etablieren.

Clubhouse befindet sich in den deutschen App-Store-Charts derzeit auf Platz 1 – die Betonung liegt wohlgemerkt auf dem Wort App-Store, da die App momentan nur für iPhone Nutzer*innen zugänglich ist. Das Problem der Exklusivität verschärft sich dadurch, dass nur mitmachen kann, wer eine Einladung zu der auditiven Social-Media-App bekommt. Den aktiven Nutzer*innen stehen mindestens zwei Einladungen zur Verfügung.

Vergangenen Freitag ließen viele insbesondere junge Personen in lockerer Atmosphäre die Woche ausklingen. Spontan stieß der Ministerpräsident Thüringens Bodo Ramelow dazu, als gerade über Heidi Klum und Tom Kaulitz geplauscht wurde. Einer der über tausend Zuschauer*innen war offensichtlich Johannes Boie, Chefredakteur der Welt am Sonntag. Tags darauf zitiert Boie in einem vermeintlich investigativen Artikel Aussagen Ramelows von Freitagnacht.1 Boie lässt seine Leser*innen wissen, dass Ramelow während der Minister*innenpräsidentenkonferenz Candy Crush spielt und wirft ihm „Sexismus“ vor. Der Artikel sorgte für große Irritation bei denjenigen, die Freitagabend anwesend waren: Zu keinem Zeitpunkt waren die Aussagen Ramelows anzüglich. Boies Meinung bleibt ein vager Vorwurf ohne konkreten Anhaltspunkt. Das betont auch Lilly Blaudszun,  Moderatorin des Abends, welche ebenso aus feministischem und sensiblen Blickwinkel keine Misogynie erkennen konnte. Boie verfolgte das Gespräch stillschweigend – hätte ihn der vermeintliche Sexismus gestört, wäre es wünschenswert gewesen, Boie hätte Ramelow direkt konfrontiert. Denn dazu ist der Treffpunkt schließlich da.

Laut eigener Aussage möchte der Chefredakteur seiner Pflicht nachkommen, im Sinne der Demokratie über Themen zu berichten, die im Interesse der breiten Bevölkerung sind. Unermüdlich betont er den öffentlichen Charakter von Clubhouse und die daraus abzuleitende Legitimität der Berichterstattung. Doch das hat niemand bestritten: Der grassierende Spruch „Was in Clubhouse passiert, bleibt in Clubhouse“ wird von der Mehrheit der User*innen belächelt – denn sie, wie auch Ramelow, wissen, dass es sich hierbei um keinen geschlossenen Safe-Space handelt, auch wenn die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von Clubhouse dies suggerieren. Allen Beteiligten wird klar gewesen sein, dass es sich bei dem Gespräch von Freitagnacht, bei welchem bis zu 1.500 Personen zugehört haben, um kein Hintergrundgespräch gehandelt haben kann. Samstagnacht äußert Ramelow seine Kritik an Boie sichtlich bestürzt und emotional nicht an die Berichterstattung an sich, sondern an dessen fehlende Kontextualisierung. Werden die Aussagen Ramelows in Relation gesehen, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Ramelow sprach mit einem Augenzwinkern in lockerer Atmosphäre in einer Runde, die explizit um „Trash“ (und Feuilleton) ging.

Die Leser*innen der Welt am Sonntag haben keine Möglichkeit, Boies Berichterstattung nachzuprüfen. Bodo Ramelow hat keine Möglichkeit die Deutungshoheit zu erlangen.

Seriöse journalistische Praxis wird durch informelle Regelungen gesichert. Dazu zählt das Autorisieren von Interviews vor dessen Veröffentlichung, um den Zitierten die Möglichkeit zu geben, Missverständnisse aus dem Weg zu räumen. Das Verkennungspotential bei Clubhouse ist groß. Wie bei Boie steht bei einigen das Kreieren von Empörung und Skandalen über einem respektvollen Miteinander. So häufen sich bei Twitter Screenshots von den Teilnehmer*innen eines Raumen, um pseudo-investigativ aufzuzeigen, wer mit wem hinter vermeintlich geschlossenen Türen interagiert. Wird diese boulevardsche Umgangsart beibehalten, werden sich Personen des öffentlichen Lebens bald zurückziehen und Clubhouse schnell aus den App-Store-Charts verschwinden.

Der rasante Aufstieg von Clubhouse bringt insbesondere für Journalist*innen und Politiker*innen eine Vielzahl an Fragezeichen mit sich – was bleibt ist die Verantwortung der Journalist*innen. Das kontextualisierte nach außen Tragen von Gesprächsinhalten kann zu einer Erweiterung der Berichterstattung führen, da Clubhouse wie keine andere App einen ganz direkten Zugang zu einflussreichen Personen herstellt. Wo sonst hätte man Philipp Amthor um 0:50 Uhr das Pommernlied singen hören können?


1. Johaness Boie, “Als Bodo Ramelow einen Einblick in sein Denken gewährte”, Die Welt, 24.01.2021, https://www.welt.de/debatte/kommentare/plus224921397/Das-Merkelchen-Als-Bodo-Ramelow-einen-Einblick-in-sein-Denken-gewaehrte.html, letzter Zugriff am 24.01.2021.


Verfasst von Sarah Hegazy

Follow us:

  1. In all fairness and admitting that all above is correct, still AKK was the main person since she was inaugurated…

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s