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Die Politik der Ästhetik

Über die Trennung von Politik und Ästhetik

Im letzten Sommer zeigte sich ein spannender Moment im Sommerinterview der ARD. Robert Habeck wurde dort zugespitzt gefragt, ob er lieber mit Pferden posiere, als den politischen Diskurs zu suchen. Die Bilder wurden hier gegen die politischen Inhalte gesetzt: das eine oder das andere. Beides geht scheinbar in der Vorstellung des Moderators Oliver Köhr nicht.
Was hat es mit dieser politischen Abwertung von Bildern auf sich und wie ist ein Jahr später der Umgang mit ihnen?

Instagram wurde lange Zeit größtenteils von Frauen genutzt und auch heute ist eine knappe Mehrheit der Nutzenden weiblich.2 “Im System der philosophisch-wissenschaftlichen Disziplinen nehmen die Ästhetik wie ihre schönen Gegenstände gleichsam eine weibliche Position ein, insofern sie nicht zur Domäne der mit Männlichkeit assoziierten Rationalität, sondern zur Domäne der mit Weiblichkeit assoziierten Emotionalität gehören”3, schreibt der Literaturwissenschaftler Thomas Anz über Ästhetik und dessen impliziter Geschlechtlichkeit. Historisch sei das Weibliche wie das Schöne seit dem 18. Jahrhundert etwas, “was sich der Rationalität entzieht, der männlichen wie der wissenschaftlichen bzw. der als männlich geltenden Wissenschaftlichkeit.”4 Betrachten wir vor diesem Hintergrund die Trennung und Darstellung eine Unvereinbarkeit von Ästhetik und Philosophie, wird die Problematik dieser Auffassung sichtbar: So übernimmt sie implizit diese heutzutage als misogyn zu bewertenden Denkmuster: Die weiblich gedeutete Ästhetik sei der als männlich verstandenen Wissenschaftlichkeit entgegengestellt, darin emotional dominiert und unpolitisch.

Nicht nur in den Überlegungen zu den dahinterstehenden Werte- und Gesellschaftsvorstellungen wird Ästhetik also sehr politisch.


Nach dieser Auffassung seien Habecks Bilder daher inszenierte Gefühlsduselei ohne sachlichen Boden. Dass hierbei Politik mit Rationalität und Sachlichkeit gleichgesetzt wird, schließt sich dieser impliziten Auffassung als Problem an. Ein Umstand, über den sich ein weiterer Post lohnt. Zeigen doch kommunikationswissenschaftliche Studien und Erkenntnisse der Psychologie, dass Entscheidungen kaum rational, sondern fast immer mit emotionalen Komponenten getroffen werden. Zudem konnte nachgewiesen werden, dass Kommunikation deutlich zum Anstieg politischer Teilhabe und Wissen beitragen kann, wenn Informationen beispielsweise über Personalisierungen übermittelt werden.

Nicht nur in den Überlegungen zu den dahinterstehenden Werte- und Gesellschaftsvorstellungen wird Ästhetik also sehr politisch. In vielen Inszenierungen von Politiker:innen finden sich Inszenierungen, die dieser Abwertung der Ästhetik und der Aufwertung des vermeintlich rationalen Sachtexts beziehungsweise Worts entsprechen. Auch die Beliebtheit von Twitter und Clubhouse in der Politik wird hieraus verständlich.

Wenn junge Frauen in der Politik nicht erst genommen und verkleinert werden, ist es nachvollziehbar, dass sie eine Inszenierung nutzen, die dieser Einschätzung entgegenwirkt.

Ein Beispiel einer solchen Inszenierung ist die Stellvertreterin Habecks als Bundesvorsitzende, Jamila Schäfer. Bei ihr wird versucht, in einer gleichsam Nicht-Ästhetik dieser Höherbewertung des Wortes zu entsprechen. Ich bezeichne sie als Nicht-Ästhetik, obwohl sie selbstverständlich ebenso eine eigene Form der Ästhetik ist. Nur liegt der Schwerpunkt dieser Ästhetik interessanterweise darin, den Anspruch an eben jene negieren zu wollen. Indem sie sich der glossy Ästhetik Instagrams nur bedingt hingibt, entspricht sie einem Bildgeschmack, der die Nicht-Ästhetik nutzt und hierin das Wort über das Bild präferiert. So zeigt sich bei Schäfer neben den klassischen Fotograf:innen-Bildern und Agenturmaterial eine Vielzahl an Text-Bildern, wie beispielsweise Screenshots von Tweets oder abfotografierten Schriftzügen. Dies ist unter dem Brennglas, unter dem besonders junge Politikerinnen stehen, verständlich: Wenn junge Frauen in der Politik nicht erst genommen und verkleinert werden, ist es nachvollziehbar, dass sie eine Inszenierung nutzen, die dieser Einschätzung entgegenwirkt. Die Inszenierung der Nicht-Ästhetik und hierin Präferieren des Wortes ist hierfür eine Möglichkeit. So kann in diesem Darstellungsmodus dem (besonders stark an Frauen gerichteten) Vorwurf der Eitelkeit entgegengewirkt werden. Zudem kann eine Form der Ernsthaftigkeit inszeniert werden, die nicht die in neoliberalen Kreisen etablierten Inszenierung der klassischen Seriosität aufgeht. Auch diese hat selbstverständlich eine eigene Ästhetik, wie sie zum Beispiel in der Inszenierung Christian Lindners gefunden werden kann.
Diese vermeintliche Nicht-Ästhetik (die, wie gesagt, selbstverständlich ebenso eine Form der Ästhetik ist) würde ich als eine inzwischen etablierte Inszenierungsform in jungen linken Kreisen bezeichnen.

Sich den Bildnormen auf Instagram und dessen Ästhetik nicht zu widersetzen, ist auch eine Frage des Weltbildes.

Ebenfalls von den Grünen macht die Politikerin Aminata Touré ein neues Bild dessen auf, wie junge linke Politik auch inszeniert werden kann. Inklusiv und ästhetisch und vor allem: sehr politisch.

Wie eingangs bereits angedeutet, ist Ästhetik ein politisches Statement. Sich den Bildnormen auf Instagram und dessen Ästhetik nicht zu widersetzen, ist auch eine Frage des Weltbildes. Wen möchte ich ansprechen? Wen möchte ich als Follower:in haben?

Daher ist es um so spannender zu sehen, was Aminata Touré gerade etabliert. Eine junge Frau, die sich in der glossy Instagram Ästhetik inszeniert und diese Inszenierung zur Vermehrung der Reichweite und hierin politisch inkludierenden Informationsvermittlung nutzt. Professionelle Aufnahmen und Bilder, die sie in der Werbeästhetik Instagrams ins Zentrum rücken, sind das Hauptmotiv ihres Feeds. In diesen Bildern ihrer selbst werden in oft persönlichen Narrativen politische Themen wie Rassismus und Gleichberechtigung, aber kontextualisierende Einblicke aus dem Leben Tourés thematisiert. Diese Informationsvermittlung geschieht durch Ästhetik nicht nur inhaltlich, sondern ebenso administrativ. Beispielsweise in Form eines wöchentlichen Kalenders, den sie regelmäßig postet. Hier werden die vielen Termine des Tages aufgelistet und hierin das enorme Arbeitspensum einer Politikerin wahrnehmbar gemacht. Durch diese Darstellung, so ließe sich argumentieren, wird der Eindruck von Transparenz geweckt, der sowohl politisch (in Form von Zuschreibung von Ehrlichkeit) genutzt werden kann, wie auch als Informationsansatz und hierin Zugänglichmachung des Berufes Politikerin gesehen werden kann. Noch relevanter jedoch ist, so scheint es mit, dass in der glossy Ästhetik Instagrams auf ästhetische Gefälligkeit und hierin Reichweite gesetzt wird. Wie fast immer wird in der Inszenierung sichtbar, was mit Worten kaum authentisch auszudrücken ist: Ich möchte euch mitnehmen und besonders: ich möchte euch meine Inhalte mit Leichtigkeit vermitteln. Ich möchte euch gleichsam beiläufig politisches Wissen und hierin Teilhabe anbieten.

Wie fast immer wird in der Inszenierung sichtbar, was mit Worten kaum authentisch auszudrücken ist.

In diesem Ansatz stellt sich Touré implizit nicht nur gegen die heute als misogyn zu erkennende Auffassung, Ästhetik sei inhaltsleer. Sie trägt auch dazu bei, ein neues Bild von Politik aufzumachen, welches die Menschen mit Leichtigkeit dort abholt, wo sie sind. Und in diesem Ansatz artikuliert sie einen Anspruch von Politik als etwas Inklusives, etwas das Spaß macht und begeistern kann. Wie ich finde, sehr grundlegende politische Anliegen und so gar nicht inhaltsleer.


1 https://www.ardmediathek.de/video/bericht-aus-berlin/ard-sommerinterview-robert-habeck-gruene/das-erste/Y3JpZDovL2Rhc2Vyc3RlLmRlL2JlcmljaHQgYXVzIGJlcmxpbi81MzNlZjRiZS0xNDdlLTQ5YWEtYWQ5ZS02MGM2ZTRlNmY1YjA/, aufgerufen am: 12. Juni 2021.
2 https://napoleoncat.com/stats/instagram-users-in-germany/2021/01, aufgerufen am: 12. Juni 2021.

3 Anz, Thomas, Schönheit und Geschlecht . Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit in ästhetischen Theorien. In: literaturkritik.de 12-2005.
4 Ebd.


Written by Rosa Miriam Reinhardt.

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  1. In all fairness and admitting that all above is correct, still AKK was the main person since she was inaugurated…

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